(cc-by-nc-sa stopactahannover.de)

Nachberichterstattung der Piratenpartei Hameln-Pyrmont zur ACTA-Demonstration am Samstag 11.02.2012 in Hannover und die Gefahren durch veraltete Urheberrechtsformen

Am Samstag, den 11.02.2012 fanden weltweit hunderte Demonstrationen statt, an denen hunderttausende von größtenteils jungen Menschen gegen das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA auf die Straße gegangen sind.

(cc-by-nc-sa stopactahannover.de)

Allein in Münchens Innenstadt versammelten sich am Nachmittag bei eisiger Kälte nach Polizeiangaben rund 16.000 Gegner des Abkommens. In Hannover, wo die Piratenpartei Hameln-Pyrmont durch viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer vertreten war, gingen selbst laut Polizei-Bericht zirka 2000 Personen[1] auf die Straße, um ACTA auch europaweit zu verhindern, welches nach dem Willen seiner Initiatoren die internationale Durchsetzung von Rechten an geistigem Eigentum stärken soll.

Doch genau hier sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstrationen die Gefahr. Innovation und Kreativität werden nicht gestärkt, indem man Veränderung und Weiternutzung verhindert. Angeblich “geistiges Eigentum” zu schützen schwächt die Möglichkeit neue Dinge zu schaffen, da man auf existierende Werke nicht zurückgreifen kann.

Viele treffende Beispiele lieferten hierfür die Demonstranten und die mediale Nachberichterstattung als solche, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihren Protest durch viele originelle Plakate zum Ausdruck brachten, welche häufig auch “urheberrechtlich” geschützte Werke oder Teile davon beinhalteten.

Alle in diesem Artikel gezeigten Plakate zeigen die kreative Nutzung von bereits vorhandenen Inhalten, um sie im Kontext der Demonstration mit unterschiedlichen Abwandlungen zu benutzen und den Protest widerzuspiegeln.

Doch teilweise sind nicht mal die Träger dieser Schilder die Ideengeber für die abgewandelten urheberrechtlich geschützten Werke. Plakat-Ideen wurden vorher auf unterschiedlichen Seiten im Internet gesammelt, abgewandelt und weitergeleitet.

(cc-by-nc-sa stopactahannover.de)

Eine junge Demonstrantin aus dem Raum Hildesheim hatte zum Beispiel die Idee gehabt, sich trotz der Guy-Fawkes-Maske das Gesicht darunter nochmal in derselben Form zu schminken. Ihr Foto aus der Facebook-Gruppe “Stopp ACTA Hannover” wurde weitergeleitet und geteilt, von vielen als Profilbild genutzt und allein bei Twitter [2] in der Ursprungsform über 2.760 mal angeschaut, 81 mal auf Twitter weitergeleitet und 44 mal wieder an Facebook zurückgeleitet. Jeder, der das Bild runtergeladen und wieder verteilt hat, ist darin gar nicht inbegriffen. Wieviele Personen genau dieses Foto gesehen oder sich sogar wegen dieser einen Idee so verkleidet haben, ist nicht messbar.

Ein anderes Beispiel für Innovationen und Ideenkopierung ist das bereits länger bekannte Plakat “Ich bin so wütend, ich habe sogar ein Schild dabei.” Aus dieser Ursprungsvariante haben die Hamelner Piraten das Plakat “Ich bin so wütend, ich nutze sogar Comic Sans!” entworfen und sind damit demonstrieren gegangen. Ein Foto, welches den Hamelner Piraten Lars Reineke zeigt, hat den Weg zum amerikanischen Portal 9gag.com[3] gefunden und wurde dort bereits über 12.300 als positiv bewertet, 33 mal getwittert und 113 mal auf Facebook geteilt.

Allen Demonstranten wird vorgeworfen, sie wären nicht an einem Urheberrecht interessiert, welches dem Erschaffer der Grundidee ermöglicht, auch an ihr verdienen zu können, doch dies ist falsch. Die Netzgemeinde hat viele Alternativvorschläge geliefert und sogar einige bereits etablieren können, wie die Creative-Commons-Lizenz oder Micropaymentsysteme wie flattr. Grundideen wie Kulturflatrate, Kulturwertmark und selbst das bedingungslose Grundeinkommen benötigen jedoch andere gesetzliche Rahmenbedingungen.

(cc-by-nc-sa stopactahannover.de)

Künstler und “Urheber” sollten nicht durch alte Verwaltungsstrukturen gebremst werden, wie dies beispielsweise die GEMA versucht, indem sie verhindert, dass Werke von den Urhebern selbst durch alternative Finanzierungs- und Lizenzmodelle verbreitet werden. Dabei macht das Internet die bisher nötige Verwertungsindustrie überflüssig. Künstler benötigen bei der Verbreitung ihrer Werke keine Hilfe durch große Konzerne. Das Internet als Distributionsplattform bietet eine große Chance für “Urheber”, unabhängig von Dritten ihre Werke mit den von ihnen präferierten Lizenzen zu vertreiben, so wie sie es möchten.

Der uralte Traum, alles Wissen und alle Kultur der Menschheit zusammenzutragen, zu speichern und heute und in der Zukunt verfügbar zu machen, ist möglich geworden und wird nur durch veraltete Verwertungsstrukturen behindert. Informationen und Wissen besitzen aufgrund ihrer Immaterialität die besondere Eigenschaft, dass sie aus wirtschaftstheoretischer Sicht öffentliche Güter sind!

Dies erkennt man auch am Umgang mit den Fotos, die auf der Demonstration geschossen wurden. Der eigentliche Urheber fotografiert Personen, die bereits Urheberrechtsverletzungen begangen haben. Ein Beispiel hierfür ist das Plakat “PORN! The Internet is for it!”, welches sich von einem im Jahr 2003 bekannten Internet-Meme[4] ableitet. Der Fotograf Hinnerk Ungerer stellte explizit dem über 100 Millionen Euro Jahresumsatz schweren Online-Magazin “Heise” dieses Foto unter Namensnennung für ihre Berichterstattung und Bildergalerie zur Verfügung.

Auf dieses Foto ist dann die Deister- und Weserzeitung gestoßen und stellte fest, dass Torben Friedrich, Ratsherr der Piratenpartei im Flecken Coppenbrügge, dieses Schild hochgehalten hat und veröffentlichte es in ihrer Ausgabe vom 18.02.2012, jedoch nur mit der Quellenangabe “Foto: heise.de”.

(cc-by-nc-sa stopactahannover.de)

Dies wäre faktisch ein Urheberrechtsverstoß, da weder der Heise-Verlag, noch der eigentliche Urheber Hinnerk Ungerer darüber informiert wurden und es sich um eine kommerzielle Nutzung handelt. Wäre der Fotograf jetzt also darauf erpicht, könnte er bereits nach geltendem Recht seine Urheberrechtsansprüche am Bild einfordern. Ungerer sieht es aber ähnlich wie die restlichen Demonstranten, er freut sich, wenn seine Bilder Zuspruch finden und verbreitet werden.

Dass sein Name bzw. die Bildquelle [5] nicht mit abgedruckt wurde und auf den erschienen Artikel [6] nicht hingewiesen wurde, ist da nur sekundär und für den Erschaffer ärgerlich.

Anders sieht es mit dem Fließtext aus: Den Protest auf das Internet und eine angebliche Befürchtung der Gegner vor Zensur und einer eingeschränkte Nutzung des Internets zu reduzieren ist falsch. Durch das Abkommen wären auch Medien wie die Dewezet eingeschränkt. Urheberrechtsverletzungen wie in diesem Beispiel dürfen dann nicht mehr passieren, da ein solcher Fauxpas zu harten Sanktionen führen könnte, die im Zuge des ACTA-Vorhabens mit Sicherheit weiter verschärft werden. Dass die Dewezet sich aber genauso verhält wie die Gegner von ACTA und sich somit solidarisiert, ist erfreulich.

Daher rufen wir mit einem Remix des Dewezet-Artikels nochmals zur Folgedemonstration am 25.02.2012 in vielen verschiedenen Städten deutschlandweit auf (Mehr Informationen unter http://stoppacta-protest.info) und hoffen auf noch größeren Zuspruch der breiten Bevölkerung und der bisher wohlgesonnenen und als gewisse Komik verstandene Berichterstattung.

Quelle: Internet

 

Übrigens: Das Original “The Internet is for Porn” des weltbekannten Musicals Avenue Q[8], welches mit dem Tony Award für das Beste Musical ausgezeichnet wurde und nominiert war für den Grammy Award für den Besten Musicalsoundtrack ist in Deutschland leider nicht mehr verfügbar, da es “möglicherweise” Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden. Das tut uns leid.

Zum Glück wird es aber von vielen “Raubkopierern” geteilt, kopiert und heruntergeladen, sodass man 14,8 Millionen Sucheinträge bei Google findet[9].

Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt. – Erich Fried

Links:

  • [1] http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/66841/2196988/pol-h-polizei-nimmt-26-personen-der-rechten-szene-in-gewahrsam
  • [2] http://twitpic.com/8gvb56
  • [3] http://9gag.com/gag/2588956
  • [4] http://knowyourmeme.com/memes/the-internet-is-for-porn
  • [5] http://www.heise.de/newsticker/bilderstrecke/bilderstrecke_1433033.html?back=1433022;bild=6
  • [6] http://heise.de/-1433022
  • [7] http://www.schaumburger-zeitung.de/portal/aktuelles_Internet-Aktivisten-sehen-Freiheit-in-Gefahr-_arid,402447.html
  • [8] http://de.wikipedia.org/wiki/Avenue_Q
  • [9] http://www.google.de/search?q=The+internet+is+for+porn